
Hafenkino Open Air: Romería
Hafen 2, Offenbach am Main
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Die spanische Regisseurin Carla Simón widmet sich auch in ihrem dritten Spielfilm nach Fridas Sommer und den 2022 mit dem Goldenen Berlinale-Bären prämierten Alcarràs – Die letzte Ernte dem Thema Familie. Zum Abschluss des autobiografisch gefärbten Filmzyklus wirft sie das Licht der Erinnerung auf die Generation der 1980er Jahre, über deren Tragik sich die spanische Gesellschaft lange ausgeschwiegen hat. Wie ihre Filmheldin Marina verlor Carla Simón schon als Kind beide Eltern an die Seuche Aids. Es war die Zeit der Freiheit nach dem Ende der Franco-Diktatur. Die jungen Leute sagten sich los von katholisch-konservativen Werten, wollten in vollen Zügen leben. Drogen waren hoch im Kurs, bald trug das Heroin zur höchsten Aids-Sterblichkeitsrate Europas bei. Marina forscht, ähnlich wie es Simón in ihrer Familie tat, nach Erinnerungen, die ihr selbst fehlen. Doch sie muss feststellen, dass auf die Erzählungen der Angehörigen nur bedingt Verlass ist.
Simóns Drama wirkt auf melancholische und doch leichte Weise in Bewegung. Marina steht oft auf einer Fähre oder auf der Segeljacht, blickt auf die Stadt. Mit ihrer Videokamera sucht sie die Perspektive ihrer Eltern, als diese nicht viel älter waren als sie selbst, fragt sich, was sie empfanden, was sie sahen, als die Mutter ihr Tagebuch führte. Neben professionellen Darsteller*innen hat Simón auch wieder Laien und Laiinnen engagiert. So steht die großartige Hauptdarstellerin Llúcia Garcia zum ersten Mal vor der Kamera. Ihr verhaltenes Spiel scheint zu atmen, wenn Marina auf das Wasser und zugleich nach innen schaut, wenn sie als Neue im Familienkreis den Trubel scheu, aber genau beobachtet.
Der titelgebende Begriff Romería kann im Spanischen sowohl eine Prozession zum Gedenken an die Toten, als auch ein Volksfest bedeuten. Simón begreift den Film nach eigener Aussage als Fest und spirituelle Reise. Marina bekommt einen Platz in einer Familie, in der viele Stimmen gleichzeitig erklingen, wild durcheinander reden, sich gegenseitig ausbalancieren. Eine besonders lebhafte Sequenz spielt in der großelterlichen Villa, in der fast alle zu einem Essen zusammenkommen und sich eine ungeahnte, starke Dynamik entwickelt.
Marina verwandelt sich in eine Akteurin in zweifacher Hinsicht. Sie mischt plötzlich in der Familie mit und sie schafft sich ihre eigenen Erinnerungen an die Eltern. Dann erweitert magischer Realismus den Handlungsraum, durchstößt die sichtbare Oberfläche der Dinge, um zu erkunden, was da noch gewesen sein könnte. Manchmal muten Aufnahmen stofflich wie aus Filmen der 1980er Jahre an. Mit Marina erkundet Simón auch die Entstehung filmischer Erinnerungen oder Annäherungen an eine facettenreiche, bruchstückhafte, nie ganz begreifliche Realität. Und das Publikum kann sich wie auf einem Boot im Wasser dem Schaukeln der eigenen Eindrücke und Gefühle überlassen. (Text: kinozeit)
Die 18jährige Marina ist nach dem frühen Aids-Tod ihrer Eltern bei der Familie ihrer Mutter in Katalonien aufgewachsen. Nun reist sie nach Vigo an die galicische Atlantikküste, um zum ersten Mal die Familie ihres Vaters Fon zu treffen und mit eigenen Augen zu sehen, wo ihre Eltern die kurze, wilde Zeit ihrer Liebe in den 80er Jahren erlebten, im Aufbruch nach Ende der Franco-Diktatur. Eigentlicher Anlass von Marinas Reise ist eine simple Formalie: Für ihr Stipendium an der Filmhochschule braucht sie die Sterbeurkunde ihres Vaters. Zu ihrem Erstaunen weist das Dokument Fon als kinderlos aus, ein Fehler, der sich durch die Unterschrift der Großeltern leicht korrigieren ließe.
Marina wird von der Familie in Galicien mit offenen Armen empfangen. Sie taucht ein in eine schwirrende Welt voller neuer Tanten, Onkeln, Cousins und Kusinen – und Geschichten, die sich auf seltsame Weise widersprechen. Ihre Ankunft rührt lange verschüttete Emotionen auf, verdrängte Gefühle, Scham, Schmerz und Zärtlichkeit. Hinter den Erzählungen, den Lügen, der Liebe und dem Schweigen der anderen zeichnet sich ab, wie das Leben ihrer Eltern gewesen sein könnte. Für Marina beginnt, begleitet vom Tagebuch ihrer Mutter, die aufwühlende Reise in eine Erinnerung, die sie sich selbst schaffen muss.
Romería. Carla Simon, Spanien/ Frankreich/ Deutschland 2025, 115 Min., ab 16 Jahren, spanisch mit deutschen Untertiteln
Trailer (dt.)
https://youtu.be/ChlL4sz_iWU?si=5xBHku3wvgW_LqFZ
Trailer (englisch. UT)
https://youtu.be/da3CAnPA_EM?si=FR8X7zRadQicogCz
Kinozeit Kritik
https://www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/romeria-das-tagebuch-meiner-mutter-2025
Einlass in den Kinobereich 19.45 Uhr (das Café ist zuvor bereits geöffnet), Filmbeginn bei ausreichender Dunkelheit (Sonnenuntergang 20.32 Uhr)
Allgemeine Infos zur Hafenkino Open Air Saison:
https://www.hafen2.net/34-0-Open-Air.html